Warum Kampfkunst?

Im August 2008 befand ich mich körperlich auf einem absoluten Tiefpunkt. Ich hatte bereits seit fast zwei Jahren überhaupt keinen Sport mehr betrieben. Dazu kam der Kneipen-Job, der einen gesunden Lebensstil nicht gerade fördert. Mein Gewicht war auf stattliche 108 Kilogramm angewachsen, ich fühlte mich träge, unausgeglichen und jeder Blick in den Spiegel brachte Frustration mit sich.

Äußerlichkeiten mögen zu 80 Prozent ein gesellschaftlich konstruiertes Phänomen sein, aber es bleiben 20 Prozent vollkommen eigene, subjektive Körperlichkeit, und mit dieser fühlte ich mich selbst nicht mehr wohl. Es war an der Zeit, etwas zu ändern, und der erste Schritt wäre mehr Bewegung, das war mir klar.

Recht schnell klar war auch, dass es eine Kampfkunst sein muss. Warum? Weil es genau das war, das mir einige Jahre zuvor bereits schon einmal die Freude am Sport wiedergegeben hatte.  Meine “sportliche” Biografie war bis dato nämlich sehr unrühmlich verlaufen. Als Kind ist es normal, dass man sich bewegt. Man tobt im Wald herum, spielt Ball und andere Dinge auf der Straße, fährt Fahrrad, geht mit Freunden ins Schwimmbad. Eigentlich ist man als Kind ständig in Bewegung.

Dann kommt der Schulsport, und mit ihm ein erster Einblick in das, was man “Leistungsgesellschaft” nennt.

Ich bin kein sportlicher Mensch. Zwar habe ich nicht viel Ahnung von Physiologie, und ich habe auch nicht viel Ahnung davon, wieviel Beweglichkeit uns angeboren ist und wieviel “Sportlichkeit” Erziehungsresultat ist. Ich weiß aber aus eigener Erfahrung, dass es Menschen gibt, die mehr Talent für sportliche Betätigung haben als andere.

Und im Schulsport, all seinen hehren Prinzipien zum Trotz, geht es in erster Linie darum, die sportlich Begünstigten zu fördern und die anderen auszusortieren. Wie alles in einer Gesellschaft, die sich auf Leistung und Erfolg reduziert, ist dieser Mechanismus nicht einmal ein bewusster Prozess, sondern unausweichliches Resultat.

In den typischen westeuropäischen (Mannschafts-)sportarten geht es um nichts anderes als das Gewinnen. Besser, schneller, höher, weiter. Ziel ist nicht die Bewegung und die Freude an Bewegung, Ziel ist der Sieg. Wer unsportlich ist, was soviel bedeutet wie: wer etwas “nicht gut kann”, ist nicht erste Wahl in der Mannschaftszusammensetzung, sondern mitleidiges Anhängsel, und er oder sie kann schon allein deshalb keine Freude an der Bewegung entwickeln, weil er sich permanent beweisen muss. Nicht vor sich selbst, sondern vor dem Urteil anderer. Keine Freude führt zu Frustration und wenig Engagement, und das wiederum führt zu schlechten Noten, die die Frustration verstärken.

Meine erste Begegnung mit (damals noch) Kampfsport hatte ich um das Jahr 2000 herum. Damals war ich zum ersten Mal an einem Punkt, an dem ich mit meinem bewegungsarmen Leben und mit meiner eigenen Körperlichkeit unzufrieden war, und dass Sport keinen Spaß macht, keinen Spaß machen kann, war nach 13 Jahren Schulsport fest in meinem Kopf verankert.

Einem Freund habe ich es zu verdanken, dass ich zwangsweise in einem Kickboxverein reinschaute.

Es war eine private Trainingsgruppe von einem engagierten Hobby-Boxer, der keinerlei finanzielle Zwänge mit seinem Verein hatte und daher in der Lage war, eine Gruppe mit unglaublich angenehmer Trainingsatmosphäre aufzubauen. Und vom ersten Training an erlebte ich hier eine Welt, die ich seit der frühen Kindheit nicht mehr gekannt hatte.

Es war wie eine Zeitreise in die Zeit, in der Bewegung um der Bewegung willen der normale Zustand war. Hier ging es zum ersten Mal seit 15 Jahren nicht in der Hauptsache darum, zu gewinnen und immer besser zu sein als der andere. Hier ging es um ein Miteinander, um gegenseitige Hilfe und Unterstützung, Ermutigung, gemeinsamen Spaß. Und es ging – für mich der Einstieg in die Welt der Kampfkunst –  jede Woche besser zu sein, als man selbst in der Woche davor war.

Die anderen um einen Herum waren kein Maßstab für das eigene Können. Man selbst war der Maßstab, der einzige Maßstab. Die eigenen Voraussetzungen spielten keine Rolle, es gab keine Anerkennung für Siege gegen andere, sondern für eigene Disziplin und eigenen Fortschritt. Und es gab permanente Ermutigung, nicht aufzugeben, weiterzumachen, mit Spaß an der Sache an sich selbst zu arbeiten.

Ich blieb beim Kickboxen, bis ich nach Marburg umzog. Dieser Verein, diese Herangehensweise an die Bewegung und die körperliche Ertüchtigung hatte mir schlagartig die Freude am Sport wiedergegeben. Ich hatte so etwas in all den Jahren des Schulsports nie erlebt.

Deshalb war es auch in diesem August 2008 von Anfang an klar, dass ich in dieser Richtung wieder etwas tun würde. Schließlich ging es um mich.

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