Trainingseindrücke 1
Das erste halbe Jahr im Seido Dojo Marburg war wirklich reich an Eindrücken. Die klare Strukturierung in Grundschule (Kihon), Formen (Kata) und realistische Anwendung zur Selbstverteidigung gab zwar einen groben Orientierungsplan, aber die Fülle der japanischen Begriffe und die unterschiedliche Herangehensweise der Senpais und Trainer wirkte lange Zeit verwirrend auf mich.
Die Motivation zog ich zu Beginn aus der konstanten Verbesserung meiner Kondition, erst dann nach und nach aus dem zunehmenden Zurechtfinden im Karate-Dschungel.
Besonders schön fand ich in diesem ersten halben Jahr die klare Rollenverteilung der Senpais Fredy und Anton, die Anfang 2009 auf Grund einer Umstrukturierung des Trainingsplans leider etwas in den Hintergrund trat.
Senpai Fredy konzentrierte sich auf die Grundschule und auf erklärende Worte rund um den Geist des Karate, um das do, um die Philosophie. Senpai Anton legte den Schwerpunkt auf die Formen und auf die praktische Anwendung der Techniken, um das, was hinter der Grundschule steht und welche Idee sich in welcher Technik verbirgt.
So bekam man einen guten Einblick von mehreren Seiten, der beim Verständnis des Karate enorm half.
Meine Fortschritte waren langsam, aber stetig. Die recht frühe Frage Senpai Fredys nach einer Teilnahme an einer Gürtelprüfung beschied ich jedoch zunächst ablehnend, da es relativ lange dauerte, bis ich mich dieser Herausforderung gewachsen fühlte.
Der Einstieg
Anfang August 2008 suchte ich nach einer Möglichkeit, in Marburg eine Kampfkunst zu üben. Ich hatte in den Jahren zuvor bereits unregelmäßig im Uni-Sport Taekwondo und Aikido trainiert, war jedoch mit dem Uni-Sport aus verschiedenen Gründen unzufrieden. Nachdem ich zwei Jahre praktisch nichts gemacht hatte, suchte ich einen festen Verein mit regelmäßigen Übungszeiten, einem Mitgliedsbeitrag (der mir zusätzlich Druck machen sollte, auch wirklich hinzugehen) und einer Disziplin, bei der ich von Null auf anfangen und in die Disziplin “hineinwachsen” konnte.
Ich verbrachte einige Tage damit, die Webseiten verschiedener Kampfkunstschulen und -vereine in Marburg zu studieren und entschied mich schließlich für das Seido-Karate. Zum einen, weil mir der Verein am sympathischsten erschien, zum anderen, weil der Stil des Seido sein Hauptaugenmerk auf traditionelle Elemente des Karate zu legen versprach. Auch in den Kampfkünsten geht der Trend hierzulande leider in Richtung Wettkampf und traditionelle Werte werden zusehens vernachlässigt. Das Seido-Karate betonte, den umgekehrten Weg zu gehen und sich vorrangig um die Integration jener zu bemühen, die in härteren Stilen wenig Chancen haben.
Am 6. August entschied ich mich zu einem Probetraining, das mir, obwohl es mir nach zwei Jahren Untätigkeit sehr schwer viel, von Anfang an Spaß machte. Am 11. August trat ich offiziell in das Dojo ein.
Die ersten Wochen verbrachte ich damit, die vielen neuen Eindrücke zu verarbeiten. Ich stellte schnell fest, dass es mir von Woche zu Woche leichter fiel, konditionell halbwegs mitzuhalten. Schwieriger war es für mich, in dem Durcheinander von japanischen Begriffen irgend einen Durchblick zu bekommen und mir die Namen der Techniken zu merken.
Die Gruppe war sehr nett, und die unterschiedliche Gewichtung der beiden Trainer Senpai Fredy und Senpai Anton ergänzte sich sehr gut zu einem umfassenden Training. Ich fand trotz der anfänglichen Unsicherheiten schnell ins Training hinein, und auch, wenn ich die hohe Trainingsfrequenz der ersten Wochen nicht dauerhaft einhalten konnte (was zu einem nicht unerheblichen Teil an meinem Kneipenjob liegt), so macht es mir doch bis heute großen Spaß und ich bereue die Entscheidung zum Seido-Karate nicht eine einzige Minute.